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2017 DANSE DE LA NUIT 2017 - Ein barockes Tanz-Video-Theater
 

     2016 BLEI ZU GOLD - Ein alchemistisches Projekt. Musik Tanz Theater


2015 DER SCHLAF DER VERNUNFT. Musik Tanz Theater
 
2013 KREATUR - Eine Schöpfungsgeschichte. Musik Tanz Theater

     2013 LA SERRA DEI LEONI.Tanz Literatur Theater


    2011/12 MEIN SCHATTEN DIENE MIR ALS SPIEGEL - Ein Shakespeare-Monolog für zwei aus Richard III.
     

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Leidenschaft mit Licht und Schatten

Bettina Rutsch feierte mit ihrem neuen Tanzabend Premiere im Kindermuseum "Explorado"
am Innenhafen:
Ein faszinierender künstlerischer Kraftakt.


Es war eine Premiere - und diese in zweifacher Hinsicht: Zum einen gab es das neue Tanztheaterstück
"Danse de la Nuit 2017" von und mit Bettina Rutsch zu erleben, zum anderen den für derartige Veranstaltungen
sich gut eignenden Saal im Oberschoss des Kindermuseums Explorado am Duisburger Innenhafen zu entdecken.

Gleich dreifach gefördert - durch den Duisburger Kulturbeirat, das NRW-Kultursekretariat und das
NRW-Kulturministerium - und zweifach unterstützt - durch das Duisburger Theater und das Museum - erlebten
die aufmerksam und konzentriert das Geschehen verfolgenden Besucher die (leider nur) einzigen beiden
Aufführungen dieser Neuproduktion. Ein solch künstlerischer Kraftakt verdient wahrlich mehr Spieloptionen in
der Stadt! Bettina Rutschs Arbeitsweise war und ist nie halbherzig oder Routine. Die promovierte Duisburger
Literaturwissenschaftlerin, Tänzerin und Choreographin taucht stets ganz in die Tiefe eines Stoffes ein mit allen
ihr zur Verfügung stehenden Genremitteln: Dichtung und Musik, dazu bildende und darstellende Kunst. Diesmal
war die künstlerische Herausforderung gleich doppelt groß. Denn Hintergrund ihres Tanz-Video-Theater-Projekts
"Danse de la Nuit 2017", wie sie ihr im durchaus Wagnerischen Sinne genannte Gesamtkunstwerk bezeichnet,
ist ein berühmtes historisches "Multi-Media"-Spektakel: "Im Februar 1653 wurde im Palais du Louvre das
'Ballet Royal de la Nuict' uraufgeführt, unter Mitwirkung der größten Künstler der Zeit und Aufbietung aller
damals verfügbaren künstlerischen Mittel - Text, Musik, Tanz, Kostümgestaltung, Bühnenbild und Beleuchtung",
schreibt Bettina Rutsch im informativen Programmheft.

So verwendet sie in ihrer Inszenierung Ausschnitte aus dem Libretto des besagten "Ballet" von
Isaac de Benserade (1612-1691), folgt der Dichtung und seiner Dramaturgie und kombiniert diesen Text
passgerecht mit Charles Baudelaires Prosadichtung "Abenddämmerung" von 1869.

Als eine Art musikalisches Vlies greift sie auf eine Einspielung des französischen Musikologen, Dirigenten und
Musikers Sébastien Daucé zurück, der mit seinem "Ensemble Correspondances" die damalige Instrumental- und
Vokalmusik unter dem Titel "Le Concert Royal de la Nuit" rekonstruiert hat.

Bettina Rutsch: "Eine Musik von atemberaubender Schönheit, voller Spannung und geschaffen für den Tanz."
Zu Dichtung und Musik kreiert sie eine barock-anmutende bis zeitgenössische Choreografie, die von vier
Videosequenzen, produziert vom Essener "Visual Artist" Sebastian Wolf, seriell unterbrochen wird.

Schließlich steuert die Kostümdesignerin Anna Termöhlen äußerst variantenreich ein schwarzes Tanztrikot,
einen weißen Kragenmantel, ein hell-transparentes Oberteil sowie Federkopfschmuck, Lederschurz und
Pluderärmel bei. Zusammen reflektiert und kommentiert das inszenierte Genre- und Media-Mix die Handlung der
erzählten Barock-Geschichte von der Abend- bis zur Morgendämmerung: "Es ist die Zeit der Sehnsüchte,
Verlockungen und rauschenden Feste, der Liebe und der Lust und ebenso der Ängste und tagsüber verdrängten
Sorgen", so Rutsch.

So entstehen faszinierende Szenenbilder aus Licht und Schatten, die vom Wechselbad der Gefühle und der
menschlichen Leidenschaften erzählen, in deren Zentrum der Mensch steht.

Bettina Rutsch versteht es vortrefflich jene menschlichen Seelen- und Charakterzustände sprecherisch als auch
tänzerisch zum Ausdruck zu bringen und die Zuschauer für ihr Spiel zu gewinnen und zu begeistern.

Rheinische Post Duisburg, 11. April 2017

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Alchemie trifft auf Stadtpfeifer-Musik

Bettina Rutschs anspruchsvolles und sehenswertes neues Tanztheaterprojekt "Blei zu Gold" richtet seinen
inhaltlichen Fokus auf die Zeit des 16./17. Jahrhunderts, kommt dramaturgisch aber in der Neuzeit aus.

Ort, Form und Inhalt vereinen sich zu einem organischen Spiel aus Musik, Tanz, Literatur und Theater.
Damit entspricht die Inszenierung der alchemistischen Weisheit, dass "Alles im Einen" ist. "Im Sommer
vergangenen Jahres führte mich mein 'Shopping-Guide' in Rom in das Labor eines leibhaftigen Alchemisten",
schreibt die Tänzerin und Literaturperformerin Bettina Rutsch im Programmheft zu ihrer neuen Tanztheater-
produktion "Blei zu Gold", die am Freitagabend im Kultur- und Stadthistorischen Museum Premiere hatte.

In einer winzigen Werkstatt, so Rutsch weiter, verwandelte dort ein Goldschmied alchemistische Symbole in
multifunktionale Schmuckstücke. Eines dieser Symbole sei die aus der antiken Mythologie stammende
Ouroboros-Schlange, die auch als kosmischer Drache bekannt ist. In der Alchemie steht sie für den in sich
geschlossenen und wiederholt ablaufenden Wandlungsprozess der Materie und symbolisiert die Wiedergeburt
und damit die Unendlichkeit und Ewigkeit.

Mit dieser kulturphilosophischen Inspiration (und einem kleinen Schmuckstück - einer Kette mit Anhänger - 
in der Hand), verließ Rutsch zunächst die Goldschmiede und dann Rom, um in Duisburg wenige Tage später
auf dem "Platzhirsch-Festival" das Konzert "The Stadtpfeiffers" in der St. Josef Kirche zu hören, welches vom
Duisburger Komponisten und Pianisten Hans-Joachim Heßler entwickelt und ausgerichtet wurde.
Das Außergewöhnliche dieser Aufführung war und ist, dass Heßler die Musik des späten Mittelalters, der
Renaissance und des Barock mit der von heute konfrontiert und kombiniert.

Diese zunächst eher zufällige Begegnung führte bei beiden, bei Rutsch wie bei Heßler, aber zu dem
unaufhaltsamen Willen, die Philosophie und Literatur sowie die Musik jener Zeit zu einem Gesamtkunstwerk zu
vereinen. Rutsch, die in der "Blei zu Gold"-Produktion für Inszenierung, Choreografie und Darstellung
verantwortlich ist, brachte dafür Anna Termöhlen für Kostümdesign und Dominyk Salenga für Lichtdesign und
Lichttechnik sowie den bildenden Künstler Martin Schmitz für Lichtobjekte mit, während Heßler, der das
Kompositionswerk schuf und das Pianospiel übernahm, Petra Naethbohm und ihre Blockflöten nebst Barockoboe
und Oliver Birk als Schlagzeuger und Perkussionist dazugesellte.

Verschiedene Holzobjekte, die verborgen golden leuchteten, das Bild eines Ouroboros ("De Lapide Philosophico"
von 1625) als Dia über dem Instrumentarium und eine Vitrine, die ein Goldkissen sowie ein schwarzes, ein
weißes und ein rotes Kleid beherbergten war alles, was Rutsch im vom Geiste Gerhard Mercators bestimmten
Museum als Bühnenraum für ihr Tanztheater benötigte. Dazu suchte sie Texte aus dem Neuhochdeutschen
eines Georg Füegers, Andreas Gryphius' oder Quirinus Kuhlmanns aus, aber auch ein Sonnet von William
Shakespeare bis hin zu zwei Gedichten von Else Lasker-Schüler und rezitierte diese verteilt über den Abend.

Das Wandelbare des Seins, genauso wie auch das Verwandelbare des Bewusstseins werden jedoch nicht allein
nur literarisch und musikalisch in dem "alchemistischen Projekt", wie Rutsch ihre Produktion im Untertitel nennt,
zum Ausdruck gebracht, sondern immer wieder auch tänzerisch bis theatralisch in Szene gesetzt.

So gelingen der Literaturperformerin herrliche assoziative Deutungsbilder, unbedeutend, ob sie eine Tanzfigur
entwirft, die Balance und Ungleichgewicht zugleich darstellt, ob sie den unteren Teil einer Blockflöte als Fernrohr
benutzt, um in den Museumshimmel und seine Sterne gucken zu können, oder ob sie mit dem Goldkissen auf
dem Rücken die Last und die Lust von Vermögen und Geld gleichermaßen thematisiert.

Rheinische Post Duisburg, 26. April 2016

Projekt „Blei zu Gold“ zeigt getanzte Alchemie

Tanz, Theater und Design: Am Wochenende feierte das neue Stück von Bettina Rutsch „Blei zu Gold“ im
Kultur- und Stadthistorischen Museum Premiere. Dabei geht es um Alchemie und den Versuch, Blei in Gold
zu verwandeln. "Genau das tun wir doch täglich: Wir versuchen unvollkommene Zustände zu verbessern",
erklärt die Tänzerin Bettina Rutsch. Dieser Wandel wird in einer 75-minütigen Performance deutlich.
Im ersten Teil des Stückes stellt Rutsch ausdrucksstark das Chaos dar. Die Bewegungen sind schnell und
abgehackt. Immer wieder schmeißt sie sich auf den Boden. Die Musik für das Stück hat der Duisburger
Pianist Hans-Joachim Heßler komponiert. Er hat sich von der Musik der Duisburger Stadtpfeiffer aus dem
12. bis 18. Jahrhundert inspirieren lassen und sie mit moderner Musik kombiniert. Die Stile harmonieren nicht
immer miteinander, passen aber zur Chaos-Thematik. Heßler wird dabei vom Schlagzeuger Oliver Birk und
der Blockflötistin Petra Naethbohm unterstützt.
Im Laufe des Stücks gibt’s nach dem Chaos eine Phase der Klärung und später Platz für die Liebe.
Das erkennt der Zuschauer auch an den Kostümen. Die Designerin Anna Termöhlen hat drei schnittgleiche
Kleider entworfen: Das erste ist schwarz, das zweite weiß und das dritte rot. Diese Farbreihenfolge hat sie
ganz bewusst gewählt, denn sie symbolisiert die Verwandlung von Blei zu Gold. Die rote Farbe steht in der
Alchemie für das Gold. Die Kleider sind transformierbar. Immer wieder zieht die Tänzerin die langen Ärmel aus,
knotet sie sich um den Bauch oder um die Hüfte. Zwischendurch trägt sie auch zwei Kleider gleichzeitig,
eines als Oberteil, das andere als Rock. Die Teile gehen ineinander über. So ist es auch am Endes des Stücks.
Rutsch steht mit dem Rücken vor dem Publikum, bildet mit ihren Armen einen Kreis über den Kopf, umfasst
mit einer Hand die andere und fährt mit dieser den Arm entlang. Es ähnelt dem Bild, das ein Projektor auf die
Wand wirft: ein Drache, der sich in den Schwanz beißt. Mit der Rezitation des Gedichtes "Ich liebe dich" von
Else Lasker-Schüler gibt Rutsch aber Hoffnung, dass am Ende das Gold überwiegt. Das Publikum ist begeistert.

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG Duisburg, 25. April 2016

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Tanztheater trifft auf Bildende Kunst

Bettina Rutschs neuer Tanzabend begeisterte das zahlreich erschienene Premierenpublikum
im Lehmbruck Museum. Zwei weitere Aufführungen im März an anderen Orten folgen.

Zusammen mit zwei Tänzern aus Krefeld und anderen Beteiligten schuf Bettina Rutsch eine Inszenierung,
die einem grandiosen Gesamtkunstwerk gleicht. Die Duisburger Tänzerin, Choreographin und
Literaturperformerin, die einst Germanistik, Anglistik und Philosophie studierte, promovierte 1998 über den
österreichischen Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal. Seit 1994 entwickelt sie, ob solistisch oder mit
Künstlern anderer Sparten zusammen und an ungewöhnlichen Spielorten, teils außergewöhnliche
Kunstproduktionen im Bereich "Tanz, Literatur, Theater", den sie stets als Ganzes betrachtet.

Mit dem neuen Tanzabend "Der Schlaf der Vernunft" ist ihr gemeinsam mit den anderen Beteiligten ein
grandioses Gesamtkunstwerk gelungen, das einer szenisch-choreographischen Rauminstallation gleicht.
Denn "stille Zulieferer" dieser Produktion sind nämlich die Skulpturen Wilhelm Lehmbrucks im gleichnamigen
Museumstrakt.

Die aus Musik, Tanztheater, Kostüm- und Lichtdesign bestehende knapp einstündige Inszenierung ist
raumgreifend, ja sogar raumvereinnahmend, und schafft es, das auf dem schmalen Treppenabsatz
sitzende Publikum zum Staunen zu bringen - teils assoziativ, teils faszinativ. Eingebunden in das Projekt
sind neben Rutsch die Tänzer und Choreographen Sabine Kreuer und Andreas Simon aus Krefeld, der Komponist
Michael Denhoff aus Bonn und der in Köln lebende Klarinettist David Smeyers sowie die Duisburger
Modedesignerin Anna Termöhlen und der Lichtdesigner Dominyk Salenga, mit dem Rutsch schon seit fünf Jahren
zusammenarbeitet. Als vornehmliche Spielplattform dient die Fläche zwischen der "Knienden", dem
"Torso der großen Stehenden" und dem "Sitzenden Jüngling". Diese Lehmbruck-Skulpturen einerseits, wie
aber auch "Der Gestürzte" und der "Emporsteigende Jüngling" beispielsweise andererseits, werden durch eine
klug durchdachte Illumination in die fein poetisch und sinnlich abgestimmte Szenen-Choreografie rhythmisch
eingebunden. Somit erscheint das Thema der Inszenierung "Der Mensch im Spannungsfeld rationaler und
irrationaler Prozesse", wie Rutsch es in ihrer Projektbeschreibung zum Ausdruck bringt, jederzeit und
allgegenwärtig präsent.

Dramaturgisch aufgebaut ist die Inszenierung in eine viergliedrige Szenenfolge, zu denen Denhoff drei
thematisch passende, zeitgenössische Kompositionen beisteuert, die teils über Tonanlage ("Traumgesicht"
und "Schwarzes Ballett") eingespielt bzw. live mit einem eindringlichen Klarinettensolo ("Morgenlied") von
David Smeyers zu Gehör gebracht werden. Als szenisches Zwischenspiel rezitiert Rutsch einen surrealen
Text des 2001 verstorbenen rumänischen Dichters Gellu Naum nach dem Motto "Erkenne dich selbst".
Dazu bewegt sie eine inzwischen körperausgeleerte Schubkarre schiebend über die besagte Spielfläche.

Vom Untergang der Welt bis zu ihrem (Wieder)Erwachen spannt sich der fesselnd vorgetragene Bilderbogen
der Aufführung. Es bleibt jedoch die Frage im wortwörtlichen Raum: War das alles nur ein (Alb)Traum?

RHEINISCHE POST Duisburg, 7. Februar 2015

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Kunst-Kreationen in der Kirche
 
Am Anfang war das Wort, am Schluss die Musik - und dazwischen entwickelten sich höchst sinnlich-
visualisierende Kunst-Kreationen aus Musik, Tanz und Texten. Dramaturgisch das Wort-Material von
Goethe, Hölderlin, Baudelaire und anderen Dichtern intelligent von Bettina Rutsch zusammengestellt,
choreographiert und vertanzt als auch die Kompositionen von André Meisner meisterlich musikalisch zu
Gehör gebracht, entstand als Inszenierung "Kreatur. Eine Schöpfungsgeschichte", die der Frage nachgeht:
"Was ist der Mensch?". Diese erste Zusammenarbeit zwischen Rutsch und Meisner, die Klaus-Dieter
Brüggenwerth angestoßen hat, erblickte jetzt in der Karmelkirche am Innenhafen das Licht der (Kunst-)
Welt und verdient beileibe mehr als nur zwei Aufführungen.
Ihre Augen mit grellen Lidschatten als Mix zwischen Gott und Dämon geschminkt, all ihr Hab und Gut in
einer Mülltüte zu einer Erdkugel gebündelt auf Händen tragend, betritt Rutsch den Altarraum als Bühne
und heißt das Publikum im Sinne Goethes Faust "Willkommen zu dem Stern der Stunde! (...) Es wird ein
Mensch gemacht." Zeitgleich von oben auf der Orgelrampe lässt Saxophonist Meisner mit Hilfe eines
"Live Loopers" Töne und Klänge in das Kirchenschiff fließen, die denen einer ganzen Big-Band gleichkommen.
Er selbst nennt sein einzelmusikalisches Gesamtkunstprojekt "Kreatur". Konkludenter und symbiotischer
können die Voraussetzungen zum Gelingen solcher Kreationen nicht sein.
Es sind vor allem die Details, die stimmig sind und faszinieren: So beim Song "Homunculus" von Meisner,
bei dem Rutsch ein Karneval mit Mülltüten veranstaltet, in clownesken Posen eines Harlekins sich bewegend
und mit Federmaske ausgestattet; oder bei Meisners "L'Homme Machine", wo Rutsch aus dem Werk
"Der Mensch eine Maschine" von Julien Offray de La Mettrie rezitiert und tänzerisch wie beiläufig mit einem
Klopfen am Taufbecken Literatur Musik und Menschwerdung vereint
.

RHEINISCHE POST Duisburg, 26. November 2013

>> Video und Artikel auf www.duisburg365.de

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Ein Mosaik aus Tänzen, Musik und Texten

Das Gewächshaus der Löwen, "La serra dei Leoni", heißt das neue Tanz- und Theaterprojekt der
Duisburger Literaturwissenschaftlerin und Tänzerin Bettina Rutsch. Am Freitag war Premiere im
Kom’ma-Theater in Rheinhausen.


Für das Thema hat Rutsch sich nicht freiwillig entschieden. Im Sommer 2012 verunglückte der
Gelsenkirchener Tänzer Rolf Gildenast tödlich. Noch zwei Wochen zuvor war er mit ihr in der gemeinsamen
Shakespeare-Produktion "Mein Schatten diene mir als Spiegel" aufgetreten. Rutsch saß zum Zeitpunkt
seines Todes nichts ahnend mit ihrem Mann im Piemont in der kleinen Szene-Bar "La Serra dei Leoni".

Geschichten erfinden, gegen den unerträglichen Druck des Todes, das tun Überlebende, damit sie nicht
wahnsinnig werden. Rutsch legt ein sehr persönliches Mosaik aus Tänzen, Musik, Texten. Sie krempelt Ärmel
und Hosenbeine auf und tanzt. Sie hält Positionen, die unhaltbar scheinen, lässt ihre Muskelanspannung sehen,
flattert, geht zu Boden, entblößt sich, wringt sich aus. Die Doors verbreiten dazu musikalisch Endzeitstimmung.
Der Satz, der einen Überlebenden am härtesten trifft, stammt vom Jim Morrison, dem früh verstorbenen
Doors-Sänger: "Es wird niemals einen anderen geben als dich, der die Dinge machen kann, die du machst".

Rutsch macht ernst, zitiert aus einer alten, isländischen Saga, bläst dabei nacheinander sieben Lebenslichter
aus. Nach der Dunkelheit setzt sie neu an. Sie versucht, einen Liegestuhl aufzustellen, aber der
Klappmechanismus widersetzt sich. Sie raunzt ihren Tontechniker Guido Bleckmann an, der gibt aus dem
Hintergrund Hilfestellung.

Das Leben bestehe schlicht darin, sich zu erholen, von Waschtagen und plötzlichen Todesfällen, sagt sie aus
ihrem Liegestuhl. Dann ist es vorbei. Applaus, Verbeugung – sie fegt von der Bühne, lässt sich nicht mehr
herbei klatschen. Zuschauer wollten ihr gratulieren, sie bleibt verschwunden. Die Leute legen ihre Blumen
auf dem Liegestuhl nieder, der einsam auf der Bühne steht.

Beim Rausgehen überprüfen manche Zuschauer ihr Make-Up. Im Dunkeln sind Tränen geflossen.
"Bettina Rutsch ist eine tiefernste, radikale Künstlerin", sagt Margarete Federkeil-Gaitzsch noch ganz unter
dem Eindruck der Aufführung. "Wir werden ja heutzutage rund um die Uhr bespaßt. Da tut es gut, jemanden
zu sehen, der sich nicht vor dem Abgrund fürchtet."

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG Duisburg, 13. Januar 2013


Flut von Motiven und Symbolen

Premiere von Bettina Rutschs neuem Tanztheater "La serra dei leoni"

Kindertheater ist das überwiegende Genre, das im Rheinhauser "KOM’MA"‑Theater, der Arbeits- und Spielstätte
des Duisburger "ReibeKuchenTheaters", zu Hause ist. Doch am Freitag wurde dort die Premiere von
Bettina Rutschs neuem Tanztheater "La serra dei leoni" geboten.
"So, wie die Geburt den Beginn des Lebens markiert, steht der Tod für dessen Ende. Der Tod gehört also
genauso zum Leben dazu wie die Geburt", heißt es beim niederländischen Kinder- und Jugendtheaterautor
Ad de Bont. Bei dem neuen Solostück von Bettina Rutsch hat man den Eindruck, dass sie sich von diesem
Grundgedanken hat lei­ten lassen, so organisch fließen diese zwei diametralen Lebenspole in der Inszenierung
zu‑ und ineinander. Doch die Beschäftigung mit dem Tod ist in dieser Produktion keine abstrakte, sondern hat
vielmehr einen wahren und tragischen Hintergrund.
"La serra dei leoni", sagt Bettina Rutsch, "heißt aus dem Italienischen übersetzt "Das Gewächshaus der Löwen"
und ist der Name einer Bar in einem Ort im nördlichen Piemont ‑ meinem Urlaubsort im Sommer 2012.
An diesem Ort hielt ich mich zu dem Zeitpunkt auf, als mein Kollege Rolf Gildenast an seinem Urlaubsort
in Irland tödlich verunglückte." Die promovierte Geistes‑ und Sprachwissenschaftlerin, Tanztheater‑Dozentin
und Lehrbeauftragte für Ästhetische Bildung, die in der Saison 2011/2012 zusammen mit dem Tänzer und
Tanzpädagogen Rolf Gildenast das Shakespeare-Projekt "Mein Schatten diene mir als Spiegel" erarbeitete,
unternimmt in ihrem aktuellen Tanzstück, einer Mischung aus Tanz, Musik, Literatur und Theater, den
künstlerischen Versuch der "Unmöglichkeit aus dem Leben heraus den Tod zu verstehen".
Dazu bedient sie sich einer wah­ren Flut von Motiven und Symbo­len, Metaphern und Zitaten ausgehend von
Gegensätzen wie Licht und Dunkelheit, Stille und Unruhe sowie dem Zusammenspiel der Elemente des
menschlichen Seins Feuer, Wasser, Luft und Erde. Eindrucksvoll gelingt ihr eine assoziative Bildsprache,
wie sie beispielswei­se bei der Verwendung des erdigen Elements Sand zum Tragen kommt: ob als Strand, 
als Insel, als Spurensuche oder die Lebensreste zusammenkehrend. Dem Toten eine Stimme mittels Texten
zu geben, dem unbegreiflichen Gehör mittels Musik zu verschaffen, dem Gefühl Ausdruck mittels Bewegungen

zu verleihen, das alles gelingt Bettina Rutsch mit diesem Abend vortrefflich.

Aber auch die rational nicht fassbare Lebenssituation in eine pietätvolle Atmosphäre zu tauchen, haben die
Designer und Techniker für Licht und Ton (Dominyk Salenga und Guido Bleckmann) großartig gelöst.

RHEINISCHE POST Duisburg, 13. Januar 2013

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Hässliches Spiegelbild

Shakespeare-Monolog wird von zwei Tänzern unterschiedlich umgesetzt

Der Anfang verspricht Harmonie. Ein Paar bewegt sich elegant in einem höfischen Schreittanz.
Ein Spiegel taucht auf und wenige Gesten machen klar: Hier geht es nicht um zwei Menschen, sondern um
die Facetten eines einzigen.
"Mein Schatten diene mir ­als Spiegel" heißt das Tanz-Stück, das Rolf Gildenast und Bettina Rutsch jetzt im
ehemaligen evangelischen Gemeindehaus Ruhrort vorstellten. Rolf Gildenast, ehemaliger Solotänzer bei
Bernd Schindowski in Gelsenkirchen und  Autor von mehreren Lyrik-Bänden, und Bettina Rutsch, Tänzerin und
promovierte Literaturwissenschaftlerin aus Duisburg, setzen sich mit Richard III. auseinander.
Missgestaltet, aber ganz durchdrungen vom Wunsch König zu werden, entwickelt sich diese Figur William
Shakespeares zu einem der größten Mordbuben der Theatergeschichte. Recht unterschiedlich sind die
tänzerischen Mittel der beiden. Gildenast rückt den Körper mit all seinen Leiden, seiner Kraft und Gewalt in
den Mittelpunkt. Bettina Rutsch agiert mit eleganten Bewegungen, formt mitunter rätselhafte Figuren.
Ein Regenschirm wird in einer intensiven Szene zum Haus, zum Schild, zur Waffe und wohl auch zum Grab.

Hass und Schmerz

Wirken bei Bettina Rutsch die Szenen zumeist kühl und beherrscht, vor allem die Kälte Richards III.
herausarbeitend, lenkt Gildenast den Blick eher auf Hässlichkeit und Schmerz. Etwa wenn er mit einer
scharfkantigen, nicht ganz leichten Metallplatte hantiert, sie als begehrte Partnerin und später als
Speerspitze, die er Richtung Publikum abfeuert, deutet.
Getragen von Musik zwischen Dowland und Bushido
entsteht das Bild eines getriebenen Königs, den der Frieden langweilt und die Ruhe ekelt.
"Du bist so hässlich", zischt Gildenast seinem Spiegelbild zu. Gildenast und Rutsch führen ihr Publikum durch
das ganze Haus und bauen Stimmungen zwischen Bedrohung und Festlichkeit auf. Insgesamt ist ihnen eine
ebenso ernsthafte wie intensive Begegnung mit menschlichen Abgründen gelungen.

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG Duisburg, 16. Januar 2012

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